Mittwoch, 13. November 2013

Mal wieder ein bisschen rumsenfen [Lob & Strafe]

Hm, worüber schreibe ich jetzt... Ich habe einige Themen im Kopf, die mich aktuell beschäftigen und mir am Herzen liegen: Heitere Gelassenheit & Beharrliche Entschlossenheit als Haltungen für ein zufriedenes Leben, Lob & Strafe, Kommunikation in zwischenmenschlichen Beziehungen... ach... Ich schreibe über Lob & Strafe, das ist so schön kontrovers und wirbelt immer eine Menge Staub auf :)

Ein Plädoyer GEGEN Lob und Strafe


... sei es im Umgang mit Kindern (ich vermeide bewusst den Begriff "Erziehung", ich mag es nicht, wenn an Kindern herumgezogen wird) oder den erwachsenen Mitmenschen. Ich trenne das sowieso nicht so scharf, ich finde beide Gruppen verdienen gleichermaßen Respekt und Wertschätzung. Das Denken ist immer noch sehr verbreitet, dass Lob und Strafe im Umgang miteinander notwendig sind, da das Zusammenleben sonst nicht funktioniert und alles in Chaos und Anarchie versinkt. (Wobei ja Chaos und Anarchie auch etwas wild-organisch Lebendiges haben... ihr wisst schon, positiver Kern und so ;)) Ich las erst gestern wieder einen aktuellen Artikel, der betonte, wie wichtig es ist zu loben. Das tat mir - als persönlich Lob-und-Tadel-Geschädigte - schon fast körperlich weh.

Ich sage: Weg mit dem Lob und der Strafe! Weg damit! Wir brauchen die beiden nicht mehr, die sind sowas von 20. Jahrhundert und da gehören sie hin - in die Mottenkiste!

Nun will ich nicht nur ranten, sondern meinen Standpunkt auch begründen. Ich glaube, dass Lob und Strafe beide sehr ähnliche Folgen haben können, die möglicherweise ein persönlicheres, vertrauensvolleres und authentischeres Miteinander verhindern.

Strafe (auch bekannt unter dem Decknamen "Konsequenz")


  • Strafe/Konsequenz führt meistens nicht dazu, dass man etwas Erwünschtes macht, sondern lediglich dass man etwas Unerwünschtes nicht macht
  • Strafen/Konsequenzen nutzen sich mit der Zeit oft ab, d.h. man muss immer noch eins drauflegen, damit die Wirkung beibehalten wird
  • Strafe/Konsequenz führt eher zu Unterordnung oder zu Rebellion, aber eher nicht zu Einsicht
  • Strafe/Konsequenz "richtig" angewendet (also "konsequent", hehe), führt eventuell zu einem starren, unflexiblen und unauthentischen Verhalten des Strafenden, denn "man wird ja nicht mehr ernst genommen, wenn man heute so und morgen mal so ist" (also, ich bin jedenfalls heute so und morgen so...)

Lob
  • Lob (wie auch Strafe) tendiert dazu, dem anderen mein Wertesystem überzustülpen, und dass man sich über den anderen stellt, so a la: "Ich weiß, was richtig und was falsch ist, was gut für dich ist, was nicht, was für dich wünschenswert ist und was nicht." Ich persönlich glaube ja, das jeder nur selbst wissen bzw. herausfinden kann, was für ihn gut ist oder nicht. Ich als Außenstehender kann maximal Hypothesen formulieren und als sanfter Geburtshelfer fungieren.
  • Lob (wie auch Strafe) kann dazu führen, dass man sich nach außen orientiert und den Kontakt zu seinen eigenen Wünschen und Werten verliert. Folge sind dann manchmal Menschen, die gar nicht wissen, was sie eigentlich selber wollen. Sie versuchen ständig, es anderen recht zu machen und bleiben dabei selbst auf der Strecke.
  • Lob kann abhängig machen von der Anerkennung anderer, so dass man nur mit einer Leistung zufrieden ist, wenn jemand anderes sie auch abnickt.

Die meiner Meinung nach beste Reaktion auf ein Lob ;) (Leider nicht von mir, ich finde aber die Quelle nicht mehr...)
Lob wie auch Strafe zielen darauf ab, den anderen in eine mir genehme Richtung zu lenken. Dieses Ziel ist verständlich und nachvollziehbar und oft von sehr sozialer Motivation geprägt, z.B. weil man will, dass die Partnerschaft funktioniert, oder weil man will, dass die Kinder später mal klarkommen im sozialen Gefüge. Das kann ich auf alle Fälle anerkennen! Ich glaube nur, dass eigentlich niemand wirklich seine Mitmenschen manipulieren, sondern sie schon gerne in ihrem So-Sein annehmen, belassen und unterstützen will. Und ich glaube, Lob und Strafe sind nicht nur potentiell schädlich, sondern auch nicht notwendig. Ich glaube, ein Mensch kann nicht nur auch, sondern gerade ohne seinen Weg und seinen Platz in der Welt finden.

"Ja, Moment mal, Schlauberger, wenn mein Kind mit Bauklötzen nach seinem Bruder schmeißt, werde ich sicher nicht einfach daneben sitzen und tatenlos zusehen!"

Guter Einwand! Natürlich geht es nicht darum, daneben zu sitzen und nichts zu tun. Das wäre ja ebenso unauthentisch wie Strafe, nur in die andere Richtung. Es geht in solchen Situationen darum, sich klar zu machen: Was will ich gerade? Was ist mir wichtig? Und zu welchem Zweck? Vermutlich willst du nicht, dass dein Kind seinen Bruder mit Bauklötzen bewirft, weil du Angst hast, dass der Bruder verletzt werden könnte, und dir das selbst körperliche Schmerzen bereitet. Außerdem hast du sicher Sorge, dass dein bauklötzewerfendes Kind nicht lernt, mit seinen Aggressionen angemessen umzugehen und auf die schiefe Bahn gerät. Es geht also um zwei Dinge: Den Bruder beschützen und dem Kind dabei helfen, soziale Fertigkeiten zu entwickeln. Und wichtig ist: Das sind zunächst erst einmal deine Bedürfnisse. Man kann davon ausgehen, dass der Bruder nicht gerne Bauklötze an den Kopf bekommt... wir hatten früher welche aus Holz, das tat ganz schön weh. Ob das andere Kind sich aber gerade sozial verhalten will, sei dahingestellt... Es geht nicht darum, deine Bedürfnisse zu diskutieren. Sie sind eben da, sie sind nachvollziehbar und verdienen Wertschätzung. Es geht darum, der Strafe ("Geh auf dein Zimmer!" "Sowas macht man nicht!" "Kein Fernsehen heute!") eine nicht-strafende Handlungsalternative an die Seite zu stellen. Wie wäre es mit einem ruhigen, aber entschlossenen "Ich möchte nicht, dass du deinen Bruder mit Bauklötzen bewirfst." Das ist authentisch und auf Augenhöhe kommuniziert. Auf der Verhaltensebene kann man dann, wenn das Kind trotzdem nicht aufhört, die Verantwortung für sich (!) übernehmen, indem man hingeht und die Bauklötze wegräumt. Das hohe C ist es dann, wenn man dem Kind außerdem rückmeldet: "Ich verstehe, dass du auf deinen Bruder wütend bist (alle Gefühle sind okay und dürfen da sein) und ich möchte nicht, dass du ihm dann wehtust." Man könnte dann z.B. gemeinsam mit dem Kind überlegen, was es in solchen Situationen, wo es so wütend ist, alternativ machen könnte.

"Und was ist jetzt mit der Konsequenz?"

Ich habe nichts gegen Konsequenz, wenn sie keinen starren Regeln folgt, sondern bedeutet: Ich bin konsequent authentisch. Ich las, dass Konsequenzen einer Logik folgen müssten, denn nur so würden sie von Kindern verstanden werden. Darauf schwirrte mir der Begriff des Elternrobotors im Kopf herum. Menschen sind aber nun mal nur zu einem sehr kleinen Teil logisch. Auch wenn wir das gerne anders wahrnehmen, aber ich meine, wir sind zu 97% von älteren, unbewussten, irrationalen Gehirnteilen gesteuert, und nur 3% sind Logik und Ratio, die auch noch viel später anspringen und weniger Einfluss auf den irrationalen Teil haben als umgekehrt. Und ich glaube, Kinder profitieren von menschlichen Eltern mehr als von scheinbar logischen, weil sie selbst ja auch menschlich sind. Ich bin wie gesagt nicht jeden Tag gleich. Den einen brauch ich meine Ruhe, den anderen vertrage ich Krach. Darum wäre eine starre Regel ("nach 20 Uhr kehrt hier Ruhe ein") zwar logisch, aber menschlich für mich völlig unpassend. Man kann es ja so vermitteln, wie es ist: "Heute brauche ich mal meine Ruhe. Könnt ihr bitte leise spielen oder woanders hingehen?" (Alternativ kann übrigens auch ich woanders hingehen, ich bin ja derjenige mit dem Problem)

"Also, das mit der Strafe seh ich ja so halb auch noch so, aber das mit dem Lob... ?! Wenn mein Mann endlich mal den Müll runterbringt, wieso soll ich ihn dann nicht loben?! Ich will ihm ja auch zeigen, dass ich das anerkenne."

Zunächst mal: Ich sag nicht "man soll". Das hier ist einfach nur meine Sichtweise und meine Standpunkt. Macht doch, was ihr denkt :) Und inhaltlich: Ich denke, bei dem Lob geht es darum, zwei Dinge zu trennen. Zum ersten: Du freust dich, dass dein Mann den Müll runtergebracht hat? Warum? Weil du dadurch selber weniger Arbeit hast und dich nicht um alles selbst kümmern musst? Vielleicht kannst du das ja einfach so ausdrücken? "Ich freue mich, dass du den Müll runtergebracht hast, da muss ich es nicht machen und fühle mich entlastet." Das wäre auf alle Fälle persönlicher, authentischer und mehr auf Augenhöhe als zu sagen: "Das hast du gut gemacht" (= ich kenne die Definition von "gut" und muss sie dir sagen). Der zweite Punkt ist der, was ich erreichen will. Will ich, dass mein Mann jetzt öfter den Müll runterbringt und versuche, sein Verhalten zu verstärken, indem ich ihn lobe? Dann ist es übrigens einerlei, ob ich sage: "Gut gemacht" oder "Ich freue mich, dass du den Müll runtergebracht hast". In beiden Fällen wird die tatsächliche Absicht verschleiert und die Abhängigkeit des anderen von meiner Anerkennung für meine Zwecke benutzt. Klarer und authentischer wäre: "Ich freue mich, dass du den Müll runtergebracht hast, und ich wünsche mir, dass du das ab jetzt öfter machst." Kein Lob, keine Manipulation, kein Zwang. Und eigentlich *so* einfach. Ach ja, kann natürlich sein, dass der Mann dann antwortet: "Och nö, darauf hab ich keine Lust" (was dann auch klar und authentisch wäre ;)). Das Risiko geht man natürlich ein...

"Hm, jetzt hab ich mein Kind aber immer gelobt und ich merke, wie es das braucht. Es fragt mich ständig: 'Hab ich das gut gemacht?' Wie soll ich darauf reagieren? Was kann ich denn überhaupt noch sagen?"

Alles. Du kannst alles sagen. Ich glaube, viele Eltern stehen unter einem so großen Druck, alles "richtig" zu machen, dass ich nicht oft genug sagen kann: Ihr könnt von mir aus alles sagen und tun, was ihr für richtig haltet. Ich werde mich nicht daneben setzen und mit dem Zeigefinger wedeln. Wer sich fragt "Wie soll ich mich verhalten?" macht sich meines Erachtens genug bzw. eher zu viele Gedanken :) Und das hier sind ja maximal Anregungen und Ideen für die, die damit spontan was anfangen können. Und was das Lob betrifft: Ich sagte ja, dass Lob den Fokus nach außen lenken und dazu führen kann, den Kontakt zu sich selbst zu verlieren. Demnach wäre es eine Alternative, dem Kind anzubieten, den Blick auf sich selbst zu richten, indem man z.B. fragt: "Wie fühlst du dich denn damit? Hat dich das viel Überwindung gekostet oder fiel es dir leicht? Weißt du noch, letztens hat es noch nicht geklappt. Was gefällt dir daran am besten?" Usw. Und in so einem Rahmen finde ich es dann auch passend, noch seine eigene Perspektive daneben zu stellen: "Ich habe mich auch sehr gefreut, dass du das geschafft hast." "Und mir gefällt am besten..."

Also, Fazit für alle, die jetzt auch weniger loben und strafen wollen: Sagen, wie es ist. Das ist einfachste Orientierungshilfe. Klar, persönlich, authentisch und auf Augenhöhe kommunizieren. (Und sich wundern, wie schwierig das und wie eingeschliffen die alte Kommunikationsweise ist...)

Ich merke gerade, dass ich jetzt tatsächlich auch klammheimlich über Gelassenheit, Entschlossenheit und Kommunikation geschrieben habe ;) Na umso besser :D Und nächstes Mal beschäftigen wir uns in meinem kleinen Erziehungsratgeber mit dem Thema Bitte und Danke sagen. Bleiben Sie dran.

Kommentare:

  1. Schöner Text. Ich glaube, das wird ganz schön schwierig :-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Auf jeden Fall (ich finds auch schwierig). Aber man muss ja auch nicht perfekt sein :)

      Löschen
  2. Hui toll, ein schimmelgrün/pinker Erziehungsratgeber! ^_~.

    AntwortenLöschen
  3. Deine Sicht zu "bitte" und "danke" würde mich übrigens wirklich interessieren... oder hab ich das irgendwo verpasst? :-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Öhm... oh... da war doch noch was... Aber danke (*g*) für die Erinnerung, ich werd es mal auf die Liste setzen. Ich nehme an, es eilt noch nicht ganz so :)

      Löschen